KÜRZESTGESCHICHTE

Zwei Jammerlappen

Hellmut Martensen: Wurzel I, 2019, Radierung und Kaltnadel auf Ingres-Papier, 21 x 25 cm

Ach, ich wäre so gerne dort unten, bei dir! Weit unter der Erde, dort bräuchte ich mich nicht länger nach der Sonne zu richten, hätte keinerlei Scham mehr wegen meines Aussehens, und den gierigen Bienen, die mir bald auch noch den letzten Nektar rauben, wäre ich ebenfalls nicht mehr ausgeliefert“, klagte die hoffnungslos herabblickende Blüte. Und die Wurzel entgegnete ihr, ebenso melancholisch, fast etwas hysterisch: „Ach, was weißt du schon von hier unten! Hier ist es schrecklich finster, weshalb ich nie sehen kann, wer auf mir herumtrampelt und ich weiß auch überhaupt nicht, was eigentlich aus all dem Wasser und den vielen Nährstoffen wird, die ich hier mühsam aus der Erde ziehe und dann hinaufpumpe. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wozu das alles eigentlich gut sein soll…“ Ehe sie sich weiter bemitleiden konnten, setzte der Gärtner den Spaten an, schachtete die Pflanze aus und hob sie samt Wurzelwerk auf seine Schubkarre zu den anderen welken Arten. Stille.

Text von Christoph Krelle in: „Hellmut Martensen: Gewachsenes“, Edition Syringa 2020 • Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Künstlers und Grafikers Hellmut Martensen in der Galerie hinter dem Rathaus in Wismar enthält verschiedene Texte, Biografisches, Notizen und Gedichte von Christian Fehlandt, Christoph Krelle und Ernst Lau.